Ζωηφόρος

Athonitische Vater und Athonitisches, Altvater Paissios der Agiorit,

Athonitische Vater

und

Athonitisches

Altvater Paissios der Agiorit

Kloster des

HL. EVANGELISTEN JOHANNES DES THEOLOGEN

Souroti bei Thessaloniki, Griechenland

Titel der griechischen Originalausgabe:

Αγιορείτες Πατέρες και Αγιορείτικα

Herausgegeben vom

Kloster des Hl. Evangelisten Johannes des Theologen,

Souroti bei Thessaloniki, Griechenland

Erstausgabe 1993, 11. Auflage 2005

Deutsche Übersetzung von Mönchin Irinea,

Kloster Hl. Johannes des Vorläufers, Chania

Innerkirchlicher Vertrieb in Deutschland,

Österreich und der Schweiz:

Peter Kofer

Mauerstr 7.

D-14641 Nauen, Deutschland

Erstausgabe September 2007

Copyright für die deutsche Ausgabe und zentrale Verteilung

Kloster des Hl. Evangelisten Johannes des Theologen

Souroti, GR-57006 Vasilikä

Tel. 0030/23960-41.320 Fax 0030/23960-41.594

Inhaltsverzeichnis

VORWORT         11

Kurzbiographie von Altvater Paissios        15

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes  17

Altvater Tychon 29

Gero-Eulögios Jünger von Chatsi-Georgis 61

Gero-Pachomios             64

Der Anachoret des Athos, Vater Seraphim            66

Der unbekannte Anachoret          68

Der Priestermönch Anthimos, Narr um Christi willen          70

Vater Daniel der Wunderbare      79

Gero-Kosmas von Pantokrator (der Weingärtner)              85

Papä-Philäretos, Abt von Konstamonitou               88

Gero-Petros („Peterchen")           91

Gero-Augoustinos           102

Vater Georgios der Anachoret     111

Gero-Philäretos  115

Gero-Ephrem „der Elende"          119

Gero-Konstantinos, Narr um Christi willen            127

Papä-Sabas von Esphigmenou     127

Gero-Tryphon    129

Papä-Kyrillos, Asket der Skite des Hl. Klosters Koutloumousiou

und später Abt dieses Klosters 136

Der Priestermönch, der vom Versucher geplagt wurde

eines hochmütigen Gedankens wegen      140

Die unvorbereiteten Kleriker, die Gott hinderte, die Liturgie zu feiern          147

Gero-Abbakum  143

Die beiden eingebildeten Mönche, die auf Abwege gerieten            146

Der eigenwillige Jünger   147

Der fromme und gehorsame Jünger         149

Der eigenwillige und nachlässige Anfänger           150

Der nachlässige junge Mönch      150

Der nachlässige alte Mönch         151

Ein Engel tadelt das idiorhythmische Kloster Xiropotämou  152

Der Bruder, der ohne Mühe gerettet wurde, weil er über niemanden richtete           153

Papä-Methodios und Papä-Ioakim erfahren ihren Todestag            154

Der Jünger, der seinem Altvater nicht gehorchte, aber

gerettet wurde, weil er auf Gott hoffte     156

Der Kantor, der am Fest mit einem Bruder sprach, der 6 Monate zuvor gestorben war.        158

Die Gottesmutter salbt einen gottesfürchtigen Jüngling       159

Der gottesfürchtige und hochherzige Mönch, der von Christus geheilt wurde            160

Krankheiten bringen Nutzen und himmlischen Lohn, wenn wir sie geduldig ertragen 161

Der Asket, der seinen Bruder nicht pflegen mochte           162

Der Mönch, der gezüchtigt wurde von Gott wegen seiner gedankenlosen Worte       165

Die Allheilige beschützt und wacht über die Mönche ihres Gartens wie eine gute Mutter        165

Der Hl. Damianös heilt einen jungen Mönch          166

Der Wert des Mönchs     167

Die Macht des Gebets des Mönchs           165

Die Macht des Gebets mit der Gebetsschnur         1 68

Die Macht des Jesus-Gebets        169

Anstrengung beim Gebet 170

Weltlicher Komfort bringt dem Mönch geistiges Elend 170

Weltliche Logik führt zur geistigen Katastrophe     177

Stille und Sorgenfreiheit - die wichtigste Voraussetzung für

ein geistiges Leben, das der Allheiligen wohlgefällig ist      172

Die Mönche müssen den Weltlichen ein gutes Beispiel sein 173

Der heilige Georg sorgt für sein Jahresfest           174

Der heilige Spyridon sorgt für sein Jahresfest        174

Die Segensgabe Gottes kommt, wenn wir Segensgaben geben       176

Die Vorsorge der Gklykophiloüssa für das Hl. Kloster Philotheou     177

Der erbarmungslose Mönch, der auf Abwege geriet, weil

er sterile Askese ohne Liebe und Unterscheidung betrieb   180

Der Mönch, der aus einer schrecklichen Verirrung gerettet wurde   183

Erfreuliche Begebenheiten           185

Der Engel des Achten Äons         190

Die Rückkehr zu Gott von der Erde zum Himmel   192

Glossar.            219

Photos   225

Karten   227

VORWORT

Mit Gottes Hilfe legen wir hier unseren orthodoxen Brüdern im deutschen Sprachraum den ersten Band einer Reihe von Schriften des seligen Altvaters Paissios des Agioriten in deutscher Übersetzung vor.

„Athonitische Väter" istgewissermassen ein kleines zeit-genössisches Gerontikon des Athos. Es berichtet über heilige athonitische Mönche der Zeit von zirka 1840 bis 1980, Gefässe der göttlichen Gnade, wohlduftende Blumen des Gartens der Allheiligen Gottesmutter. Am Schluss des Bandes gibt uns Altvater Paissios unter dem Titel „Die Rückkehr zu Gott von der Erde zum Himmel" einige geistige Weisungen, die seine eigene Erfahrung als Agiorit*1 und Einsicht in die Göttliche Weisheit widerspiegeln.

Als junger Mönch und auch später noch hatte Vater Paissios den grossen Segen, auf dem Heiligen Berg Asketen von höchster Tugend zu begegnen, wahrhaften Athleten Christi, und in ihrer Nähe zu leben. Andere lernte er kennen durch die Berichte solcher, die sie persönlich gekannt hatten. Ihre heilige Einfalt, ihr unerschütterlicher Glaube und ihr mit Hochherzigkeit geführter geistiger Kampf machten tiefen Eindruck auf ihn. Er bewunderte ihre Selbstverleugnung, die selbst vor dem Tod nicht zurückschreckte, ihren Eifer für die Askese. Er kostete den Honig ihrer heiligen Tugenden und ward selbst durchdrungen von seiner Süsse. Beseelt vom selben Eifer für den geistigen Kampf, rang er darum, ihre göttlichen Heldentaten nachzuahmen.

Später, im Jahr 1980, unternahm er es, von diesen soviel niederzuschreiben, wie er in seinem Gedächtnis und in seinem Herzen bewahrt hatte, zum einen aus tiefer Achtung für die heiligen Väter, zum anderen aus dem Gefühl einer heiligen Pflicht ihnen gegenüber, aber auch gegenüber seinen Mitmenschen, musste er doch tagtäglich mit Schmerzen feststellen, dass in unserer Epoche meist leider nicht der Glaube, sondern die menschliche Logik vorherrscht in der Beziehung des Menschen zu Gott, sei er nun Laie oder Mönch.

Das Leben der athonitischen Väter, wie es auf diesen Seiten beschrieben ist, hilft uns erkennen, wie sehr wir uns entfernt haben vom authentischen Weg der heiligen Väter der Kirche, und zeigt uns, wie wir dahin zurückkehren und damit den wahren Sinn unseres Daseins wiederfinden können.

Durch die Gebete der heiligen Mönche des Athos und die Fürbitten der Gottesmutter, Herr Jesus Christus unser Gott, erbarme Dich unser. Amen.

Kloster des Hl. Evangelisten Johannes des Theologen

Sonntag Aller Heiligen Athonitischen Väter

Juni 2007

1. Das Sternchen * verweist auf das Glossar am Ende des Buches.

Kurzbiographie von Allvater Paissios

(1924-1994)

Der selige Altvater Paissios der Agiorit, mit bürgerlichem JLx Namen Arsenios Eznepidis, wurde am 25. Juli 1924 in Färassa in Kappadokien geboren. Der hl. Arsenios der Kappadokier (+ 10.11.1924, Fest 10. November), Priester von Färassa, taufte das Knäblein und gab ihm seinen eigenen Namen, mit der Prophezeiung, dass er einen Mönch hinterlasse an seiner Stelle. Wenige Tage später musste wie die ganze griechische Bevölke-rung Kleinasiens auch die Familie Eznepidis, gemäss den Be-stimmungen des Vertrags von Lausanne, ihre Heimat verlassen und nach Griechenland auswandern. Sie liess sich in Konitsa in Epiros nieder, wo der kleine Arsenios aufwuchs.

Von zartester Kindheit an war er beseelt von einer brennenden Liebe zu Christus und wollte Mönch werden. Seine geistige Nahrung waren die Leben der Heiligen, deren asketische Gross-taten er mit ungewöhnlichem Eifer und grosser Strenge nachzu-ahmen suchte. Nach Abschluss der Grundschule erlernte er den Beruf des Zimmermanns, um auch in dieser Hinsicht Christus nachzufolgen. 1947 wurde er zum Militärdienst eingezogen. Wä-hrend jener schweren Zeit des griechischen Bürgerkriegs diente er als Funker in den Übermittlungstruppen und zeichnete sich aus durch seinen grossen Mut und seine Opferbereitschaft.

1950, als er seine Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt hatte, ging er auf den Heiligen Berg Athos, wo er Mönch wurde

1. Sternchen verweisen auf das Glossar am Ende des Buches.

unter dem Namen Paissios. Fast 35 Jahre lebte er im Garten der Panagia*, vorübergehend auch im Kloster der Geburt der Gottes-mutter in Stömio bei Könitsa (1958-1962) sowie auf dem Berg Sinai (1962-1964).

Schon vor seinem Eintritt in den Mönchsstand wurde der künftige Altvater mit Erfahrungen des Göttlichen beschenkt. Nach der Tonsur empfing er von Gott grosse Charismen und erlebte viele wunderbare Dinge. Er selbst bemühte sich sehr, seinen geistigen Schatz zu verbergen, doch die Gnade Gottes, die ihn mit manchen übernatürlichen Gaben geschmückt hatte, insbesondere jenen der Heilung, der Hellsichtigkeit und der Unterscheidung, offenbarte ihn der Welt. Ab 1979, als er sich im Kellion* Panagouda niederliess, strömten von allen Seiten Tau¬sende von leidenden Menschen zu ihm, um seinen Rat und seine Fürbitten zu erlangen. Und der Altvater empfing sie unermüdlich alle, tröstete sie, heilte sie, befriedete Seele und Leib.

Altvater Paissios ist der Gründer des Hesychastirions des Heiligen Evangelisten Johannes des Theologen in Souroti - dem er die Reliquien seines Vaters in Christus, des hl. Arsenios des Kappadokiers, anvertraute - und war 28 Jahre lang (1967-1994) geistiger Vater der Schwesternschaft. Er entschlief im Herrn am 12. Juli 1994 im Kloster von Souroti, und seinem Wunsch gemäss wurde sein Leib hinter der Apsis der Kirche des Hl. Arsenios bestattet.

Doch wie zu seinen Lebzeiten fährt Altvater Paissios fort, der Welt beizustehen durch seine Gebete und seine Wundertaten. Menschen aus der ganzen Welt, jeden Standes und jeden Alters strömen täglich zu seinem Grab, um seine Fürbitten zu erwirken oder ihm ihre Dankbarkeit auszudrücken. Sein Segen sei mit uns!

Im Namen des Vaters

und des Sohnes und des Heiligen Geistes

Mein Gewissen plagt mich sehr, dass ich es versäumte, Notizen zu machen mit Einzelheiten über die tugendreichen Väter, die in diesen letzten Jahren lebten und von denen mir die gottesfürchtigen Greise erzählten, als ich Jungmönch war. Auch meiner grossen Nachlässigkeit wegen plagt es mich, da ich es in der Folge ebenso versäumte, all jene göttlichen Begebenheiten zu verzeichnen, und wäre es auch nur in meinem Gedächtnis, die die heiligen Altväterchen erlebten und die sie mir in aller Einfachheit erzählten, um mir geistig zu helfen.

Die Väter jener Epoche besassen grossen Glauben und grosse Einfachheit. Die meisten von ihnen waren zwar wenig gebildet, doch da sie Demut und einen kämpferischen Geist hatten, empfingen sie unablässig die göttliche Erleuchtung. In unserer Zeit dagegen, wo das Wissen zugenommen hat, ist der Glaube der Menschen in seinen Grundfesten erschüttert worden durch die Logik, die die Seelen mit Fragen und Zweifeln erfüllt. So ist es nur natürlich, dass wir der Wunder ermangeln, denn das Wunder ist eine Sache der Erfahrung, nicht der logischen Erklärung.

Jener allzu weltliche Geist, der den heutigen Menschen beherrscht und ihn nur danach streben lässt, wie er besser leben kann, mit mehr Komfort und weniger Mühe, hat leider auch die meisten geistigen Menschen erfasst, sodass auch diese versuchen, sich mit weniger Mühe zu heiligen - ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Heiligen gaben Blut und empfingen Geist.2 Und während man sich einerseits freuen kann über die breite Bewegung der Rückkehr zu den heiligen Vätern und zum Mönchtum und die bemerkenswerten Jungen bewundern muss, die sich voller Idealismus Gott weihen, schmerzt es andrerseits, sehen zu müssen, dass diese gute geistige Materie nicht den entsprechenden Sauerteig findet, sodass der geistige Teig nicht aufgeht und zum ungesäuerten Brot wird.

In früheren Zeiten, vor zwanzig Jahren noch, war die Einfachheit im Garten der Allheiligen überall verbreitet, und der Wohlgeruch der heiligen Einfalt der Väter zog gottesfürchtige Menschen an wie der Blumenduft die Bienen und ernährte sie, und diese wiederum gaben von dem geistigen Segen weiter an andere, damit auch sie Nutzen fänden davon. Wo du auch hinkamst, hörtest du von Wundern und himmlischen Begebenheiten reden, in aller Schlichtheit, empfanden die Väter diese Dinge doch als völlig natürlich.

Die wir in dieser geistigen Atmosphäre der Gnade lebten, kamen wir nie auf den Gedanken, diese Berichte in Zweifel zu ziehen, denn jeder sah selbst etwas von jenen Dingen. Aber auch das kam uns nicht in den Sinn, dass wir Notizen machen, diese göttlichen Geschehnisse für die Nachwelt niederschreiben sollten, denn wir hielten es für selbstverständlich, dass jenes geistige Klima der heiligen Väter fortdauern würde. Wer dachte schon, dass einige Jahre später die meisten Leute verbildet sein würden von der vielen Bildung, die im Geist der Gottlosigkeit gelehrt wird statt im Geist Gottes, der auch die äusserliche Bildung heiligen würde. Der Unglaube wird solche Ausmasse erreichen, dass man die Wunder als Märchen der alten Zeit betrachten wird. Klar - ist der Arzt Atheist, mag er mit den Mitteln der Wissenschaft (Röntgenstrahlen usw.) noch soviele Untersuchungen vornehmen an einem Heiligen, er wird nicht imstande sein, die Gnade Gottes zu entdecken. Ist er aber selbst ein geheiligter Mensch, wird er die göttliche Gnade strahlen sehen.

Um von der göttlichen Gnade ein lebendigeres Bild zu geben und so den Lesern zu helfen, den Geist der Väter, der noch vor wenigen Jahren vorherrschte, besser zu erfassen, hielt ich es für gut, als Beispiel einige Ereignisse anzuführen aus dem Leben einfacher Altväterchen jener Zeit.

Als ich Jungmönch war im Kloster Esphigmenou, erzählte mir der fromme Gero-Dorotheos Folgendes von einem Väterchen, das oft ins Altersheim des Klosters kam, um bei der Arbeit zu helfen. Es war von so grosser Einfalt, dass es glaubte, die Auffahrt, welcher das Kloster geweiht ist, sei eine grosse Heilige, wie die heilige Barbara zum Beispiel, und wenn es mit der Gebetsschnur betete, sagte es: „Heilige Gottes, bete für uns." Eines Tages kam ein kränklicher Bruder ins Altersheim, und da keine stärkende Nahrung vorhanden war, eilte das Greislein geschwind die Treppe hinunter ins Kellergeschoss, und dort, vor dem Fenster, das sich auf das Meer öffnet, streckte es die Hände aus und sagte: „Meine liebe heilige Auffahrt, gib mir ein Fischlein für den Bruder." Und o Wunder - ein grosser Fisch sprang ihm sogleich in die Hände! Es packte ihn, als wäre es das Natürlichste der Welt, und ging freudestrahlend hin, um ihn zuzubereiten zur Stärkung des Bruders.

Derselbe Gero-Dorotheos erzählte mir auch von einem anderen Vater (Pachomios, glaube ich), der sich zwecks strengerer Askese nach Kapsäla3 zurückgezogen hatte und einen hohen geistigen Stand erreichte. Eines Tages legte ein Vater des Klosters zwei Fische beiseite, um sie dem Asketen als Segensgabe zu bringen. Als er dabei war, sie zu säubern, kam plötzlich ein Rabe, ergriff einen der Fische und brachte ihn zu Vater Pachomios nach Kapsäla (SVa Wegstunden von Esphigmenou entfernt). Wie sich später herausstellte, hatte Vater Pachomios von Gott die Nachricht empfangen, dass ihn der Bruder besuchen würde, und in dem Augenblick, wo er überlegte, was er ihm zur Speise anbieten könnte, kam der Rabe und brachte ihm den Fisch. Als der Bruder eintraf und dies vernahm, verherrlichte er Gott, der auch in unseren Tagen die Seinigen vermittels der Raben ernährt, wie vormals den Propheten Elias.

Im Kloster Koutloumousfou lebte bis vor wenigen Jahren ein Greis, Vater Charälampos, auch er überaus einfach, zugleich aber überaus „gewaltsam",4 nicht nur in den geistigen Dingen, sondern auch in den Diakonien. In allem war er äusserst beflissen. Vater Charälampos besorgte die meisten Arbeiten im Kloster, denn in jenen Jahren lebten dort nur noch wenige Väter, und die meisten von ihnen waren betagt. Er war auch verantwortlich für die Bibliothek, doch dann setzte man ihn ab von diesem Amt, weil er die Tür nie abschloss. Er pflegte zu sagen: „Lasst die Menschen die Bücher lesen." Er kam nicht auf den Gedanken, dass es auch Menschen gibt, die Bücher stehlen. Er besass grosse Herzensreinheit und Einfachheit. Neben den vielen Diakonien, die er versah, fand er noch Zeit, Bäume zu pflanzen für die kommenden Generationen, denn er war überzeugt, dass sich das Kloster Koutloumousfou wieder mit Mönchen füllen würde. So waren seine Hände ständig am Werk für die anderen, sein Sinn aber und sein Herz waren beschäftigt mit dem geistigen Werk, dem ununterbrochenen Gebet Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich über mich. In den Gottesdiensten war er stets als erster da. Er unterstützte den einen Chor als Kantor, und wenn der Kanonarch * zum anderen Chor hinüberging, um dort seines Amtes zu walten, sagte Vater Charälampos rasch hintereinander das Herr Jesus Christus, um sein ständiges Beten nicht zu unterbrechen.

So lebte er, höchst arbeitsam, höchst geistig, ohne je zu erschlaffen. Leider aber warf ihn schliesslich eine schwere Grippe aufs Krankenlager, und der Arzt sagte zu den Vätern, sie sollten sich nicht entfernen von ihm, denn in wenigen Stunden werde sein Leben enden. Als der Vater das hörte, antwortete er unter den Decken hervor:

- Was sagst du da? Ich sterbe nicht, bevor das Pascha kommt und ich das Christas anesti singe.

Und tatsächlich, beinahe zwei Monate verflossen, das Pascha kam, er sang das Christas anesti, empfing die Göttliche Kommunion und entschlief in Frieden. Das hochherzige5 einfache Väterchen war in der Tat zum Kind Gottes geworden und hatte mit Gott den Tag seines Hingangs bestimmt.

In der Skite* des Klosters Iviron erzählte mir Gero-Nikölaos von der Gemeinschaft der Markiani folgende Begebenheit über einen Vater, der ebenfalls die Einfachheit eines Kindes besass. Als einmal der Brunnen der Gemeinschaft austrocknete, nahm er die Ikone des heiligen Nikolaus, Hess sie am Brunnenseil in den trockenen Schacht hinunter und sagte:

- Heiliger Nikolaus, wenn du willst, dass ich dir weiterhin dein Öllämpchen anzünde, dann komm mit dem Wasser zusammen herauf, denn du kannst es ja. Du siehst, dass so viele Menschen hierher kommen, und wir haben keinen Tropfen kühles Wasser für sie.

Und o Wunder! das Wasser begann langsam zu steigen, mit der Ikone des Heiligen obenauf, bis der Greis sie mit den Händen fassen konnte. Er küsste sie mit Ehrfurcht und trug sie in die Kirche zurück. (Dies geschah vor rund 50 Jahren.)

In der gleichen Skite, etwas oberhalb der Kalyva* der Markiani, befindet sich jene der Heiligen Apostel, wo jetzt zwei Väter wohnen, leibliche Brüder. Zu dieser Gemeinschaft gehörte ehedem auch Gero-Pachomios, dem die Heiligkeit ins Gesicht geschrieben stand. Dieses Väterchen war ebenfalls höchst einfach und völlig ungebildet, aber erfüllt von der göttlichen Gnade. Wenn Gero-Pachomios an Festtagen in die Hauptkirche der Skite kam, um an der Liturgie teilzunehmen, setzte er sich nie nieder in der Stehbank, sondern blieb ständig aufrecht, selbst in den Agrypnien *, die die ganze Nacht dauerten, und sagte unablässig das Gebet. Fragte ihn jemand, an welchem Punkt man angelangt sei in der Akoluthie*, pflegte er zu antworten:

- Beim Psalmengesang, die Väter sind beim Psalmen-gesang.

Er nannte alles „Psalmengesang". Er selbst wusste nichts vom Kirchengesang, das Christös anesti ausgenommen, das er am Pascha zu singen pflegte. Er war stets bereit, zu tun, was die anderen wollten, ohne je einen eigenen Willen zu haben.

Welchen Kummer einer auch haben mochte, wenn er Vater Pachomios auch nur sah, verliess ihn alle Trübsal. Alle liebten ihn, selbst die Schlangen, die Zutrauen hatten zu ihm und sich nicht davonmachten, wenn er kam. In der Umgebung seiner Kalyva gab es viele Schlangen, weil dort Wasser war. Die beiden anderen Väter fürchteten sich sehr vor ihnen, doch Gero-Pachomios näherte sich ihnen lächelnd, nahm sie mit der Hand und setzte sie ausserhalb der Umzäunung nieder.

Eines Tages, als er in Eile zur Kalyva der Markiani hinunterging, fand er auf dem Weg eine grosse Schlange.

Er legte sie sich um wie einen Gürtel, um sie später aus dem Bezirk hinauszutragen, denn zuerst wollte er seine Arbeit erledigen. Als Vater Jakobos ihn sah, erschrak er nicht wenig, worüber sich Gero-Pachomios verwunderte. Später sagte er zu mir:

-Ich verstehe nicht, warum sie Angst haben vor den Schlangen. Unser Vater Andreas fürchtet sich sogar vor den Skorpionen! Ich lese sie einfach mit der Hand zusammen von den Wänden und werfe sie zur Hütte hinaus. Aber jetzt wo mir die Hände zittern wegen dem Parkinson, schaffe ich die grossen Schlangen hinaus, indem ich sie schleife.

Ich fragte den Greis:

-Warum beissen dich die Schlangen nicht, Vater Pachomie?

Er antwortete mir:

-Irgendwo schreibt Jesus Christus auf einem Papier, „wenn du Glauben hast, packst du die Schlangen und die Skorpione, und sie tun dir nichts zuleide".6

Dieses heilige Väterchen, Gero-Pachomios, entschlief in Frieden am 22. Oktober 1967, ein Jahr vor Altvater Tychon, dem Priestermönch, über den ich in der Folge berichten werde, ebenso wie über andere heilige Väter, die hochherzig kämpften im Garten der Panagia und sich reinigten mit Hilfe der Guten Mutter, der Reinen Jungfrau. Sie wurden Soldaten Christi, besiegten ihre Leidenschaften, vernichteten den Feind, den Teufel, sie, jene „Gebirgsjäger" unserer Kirche, und wurden von Christus bekränzt mit einem unverwelklichen Kranz.

Viele von ihnen kannte ich aus der Nähe, doch leider habe ich sie nicht nachgeahmt, und so bin ich ihnen sehr fern. Doch ich bete mit meinem ganzen Herzen, dass jene, die ihre Grosstaten lesen werden, sie nachahmen, und ich bitte sie, dass auch sie beten für mich, den elenden Paissios.

Amen.

2s.Abba Longinos, Gerontikon Alphabetische Sammlung. Dt. Weisungen der Väter, Paulinus Trier 2000.

3.Bei Karyes, ungefähr in der Mitte der Athos-Halbinsel.

4.Im Sinn von Mt 11,12.

5.Mit „hochherzig" bezw. „Hochherzigkeit" übersetzen wir hier das von Altvater Paissios überaus geliebte und oft verwendete griechische Wort φιλότιμο, im engsten Sinn „ehrliebend", „Ehrgefühl". Die Wörterbücher ge-ben es wieder mit: arbeitsam, fleissig, emsig, unverdrossen, dienstbeflissen, gewissenhaft, pflichtbewusst, zuverlässig, grosszügig, freigebig, selbstlos, aus Ehrgefühl, mit einem ausgeprägten Sinn für sittliche Würde und Anstand. Der Altvater selbst definierte es folgendermassen: ,fhilötimo" ist die ehrwürdige Essenz der Gutheit, die überaus dankbare Liebe des demütigen Menschen, der in allem, was er tut, sich selbst völlig aus dem Spiel lässt und dessen Herz erfüllt ist von geistigem Feingefühl, von Empfindsamkeit und Dankbarkeit gegenüber Gott und dem Bild Gottes, seinen Mitmenschen. Der Feind desphilötimo ist die Selbstliebe." (ΛΟΓΟΙ Γέροντος Παϊσίου, Bd 5, Seite 255/258)

6. s. Lk 10,19.

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